Fachkliniken Wangen
Kompetente Akutmedizin und Rehabilitation seit 90 Jahren
 
 
 
 

INTERVIEW MIT ALWIN BAUMANN

Sprecher des Bündnisses Kinder- und Jugendreha e.V.

Alwin Baumann (66), Sprecher des Bündnis Kinder- und Jugendreha e.V., war bis einschließlich 2017 stellvertretender Krankenhausdirektor der Fachkliniken Wangen und langjähriger Leiter der dortigen Rehabilitationskinderklinik.
Herr Baumann, haben sich Ihre eigenen Kinder jemals beschwert, dass Sie zu viel Zeit in der Kinderreha-Klinik verbringen?  
  
A. Baumann: Wir haben tatsächlich vor ein paar Wochen mal darüber gesprochen. Mein Sohn meinte, ich sei zwar viel weg gewesen, aber wenn ich da gewesen sei, dann hätten wir uns sehr viel Zeit füreinander genommen. Und wenn Sie einen Beruf ausüben, für den Sie brennen, dann profitiert letztendlich auch die Familie davon, dass es Ihnen damit gut geht.  
  
 
Für Ihr Engagement wurde Ihnen das Bundesverdienstkreuz verliehen. Warum liegt Ihnen die Kinder- und Jugendlichenreha so am Herzen?  
  
Weil ich viele Jahre lang erlebt habe, dass Rehabilitation Kindern und Jugendlichen hilft. Aber leider wird nicht einmal für zehn Prozent der Kinder, die eine Reha bräuchten, tatsächlich auch eine beantragt. 
 
Woran liegt das?
  
  
Ein Grund ist, dass viele Ärzte und Familien zwar Mutter-Kind-Kuren kennen, aber nur wenige die Kinder- und Jugendrehabilitation. Das muss sich ändern. Oft wird in der Öffentlichkeit das Thema Kinder- und Jugendrehabilitation eher mit Hilfen für Rollstuhlfahrer verbunden und weniger als Angebot für alle chronischen Erkrankungen, wie es tatsächlich der Fall ist.  
  
Gibt es seitens der Eltern Bedenken gegen die Kinder und Jugendlichenrehabilitation?  
  
Es gibt zwei große Vorurteile. Erstens denken manche Eltern: "Was bringt denn eine intensive Maßnahme, wenn mein Kind hinterher wieder in seine alte Situation zurück kommt?" Zweitens haben viele Eltern schlicht und einfach Sorge, dass ihr Kind durch die mehrwöchige Reha zu viel Schulstoff verpasst.  
Tatsächlich muss man das Ganze andersherum sehen: Durch chronischen Erkrankungen kommen große Fehlzeiten in der Schule zustande. Und nach einer Reha sind viele Kinder und Jugendliche dann wieder in der Lage, regelmäßig die Schule zu besuchen. Natürlich kann eine Maßnahme von vier bis sechs Wochen nicht jede chronische Erkrankung beseitigen. Doch die Kinder lernen Möglichkeiten kennen, die sie nach der Rehabilitation im Alltag weiter durchführen können. Darüber hinaus wird gerade der Bereich Nachsorge bei der Kinder- und Jugendlichenreha weiterentwickelt.   
  
Wenn sich die Familien sich für eine Kinderreha entscheiden: Welche Schritte müssen sie gehen, worauf sollten sie achten?  
  
Zuerst muss der Antrag gestellt werden. Dazu müssen die Eltern in ihrer Renteninformation nachschauen, bei welchem Träger sie rentenversichert sind – denn genau dort sollte der Antrag gestellt werden. Dabei spielt keine Rolle, ob die Reha über den Vater oder die Mutter beantragt wird, so lange er oder sie bereits mindestens fünf Jahre rentenversichert ist. Auch Pflegeeltern können den Antrag stellen. Das Großartige ist: Es entstehen ihnen keine Kosten – die Reisekosten werden übernommen und auch ein Gehaltsausfall bei Begleitpersonen, die Kinder bis zum 12. Geburtstag mitnehmen dürfen, wird für die Zeit der Maßnahme eins zu eins von der Rentenversicherung erstattet. 
 
Welche Unterlagen werden gebraucht?
  
  
Für den Antrag braucht man einen Befundbericht von einem Arzt, der das Kind kennt. Das Ganze geht zur Rentenversicherung. Von der Rentenversicherung erhalten sie dann im gegebenen Fall eine Bewilligung und eine Klinikempfehlung. Diese gesamten Unterlagen sollten sie sich durchlesen und die Dinge zusammentragen, die dort gefordert sind. Ganz wichtig ist, mit seinem Kind ausführlich darüber zu reden, warum diese Rehabilitation stattfindet, und was dort wahrscheinlich passiert. Für den Erfolg ist es wichtig, dass es wirklich bereit ist, sich auf die Rehabilitation einzulassen.  
  
Haben Sie denn oft erlebt, dass die Kinder und Jugendlichen gar nicht in die Reha wollen?  
  
Wenn sie gar nicht wissen, was auf sie zukommt, sind sie natürlich oft skeptisch. Eine Hauptaufgabe der Rehaklinik ist deshalb auch, die Kinder und Jugendlichen in der Klinik zu motivieren, sich auf die Maßnahmen einzulassen. Da sie in Gruppen zusammenwohnen habe ich erlebt, dass sie sich meistens sehr schnell eingewöhnen und auf die Reha einlassen. Das ist übrigens auch ein wesentlicher Punkt, warum die meisten Reha-Maßnahmen zum Erfolg führen: Kinder und Jugendliche erleben Gleichaltrige mit ähnlichen Problemen und fühlen sich nicht mehr so isoliert. Außerdem kümmert sich über einen längeren Zeitraum ein Team aus Fachleuten um die Behandlung, die sich viel Zeit für die jungen Patienten nehmen. 
 
Gibt es einen Fall aus Ihrer langjährigen Erfahrung, der Sie besonders berührt hat?
  
  
Ganz allgemein berührt es mich immer wieder, wie viele Jugendliche ohne Selbstvertrauen in die Klinik kommen, sozial isoliert sind und aufgrund ihrer gesundheitlichen und persönlichen Probleme von anderen gemieden oder sogar gemobbt wurden. Ich kann mich vor allem an ein Mädchen erinnern, die mit 13 Jahren bei uns in die Rehaklinik kam. Die Mutter rief an einem Sonntagabend an und war völlig verzweifelt, weil das Mädchen kaum noch in die Schule ging und sich ritzte, also selbst Schnittwunden zufügte. Dieses Mädchen hat enorm von der Rehabilitation profitiert. Sie hat später wieder regelmäßig die Schule besucht, eine Ausbildung gemacht ist mittlerweile Sozialpädagogin. Ich habe noch heute Kontakt zu der Familie. 
 
Wie wichtig ist denn generell die Zusammenarbeit mit den Eltern?
  
  
Kinder und Jugendliche leben in ihrer Familie, und jedes gesundheitliche, jedes persönliche Problem ist immer auch ein pädagogisches Problem. Insofern ist es klar, dass die Eltern eine wichtige Rolle spielen, um mit diesen Problemen besser zurecht zu kommen. Für Eltern, die ihre Kinder in die Rehabilitation begleiten, gibt es dort sehr viele Angebote. Für die Eltern, die nicht mitkommen, weil die Kinder schon älter sind, gibt es ausführliche Aufnahme- und Entlass-Gespräche, sodass auch in diesen Fällen die Eltern miteinbezogen sind. Das Ziel ist natürlich, das eine oder andere tatsächlich im häuslichen Alltag der Familien zum Positiven zu verändern.  
  
Quelle: Deutsche Rentenversicherung Bund, HIER kommen Sie direkt zum Beitrag  
  
  
  
Veröffentlicht am: 25.10.2018  /  News-Bereich: News aus den Fachkliniken
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