FACHKLINIKEN WANGEN
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DR. ROLAND DRESCHER ÜBER ALLERGIEN BEI WESPENSTICHEN
Beim ersten Mal sollte man zum Arzt

Wangen/Leutkirch - Genießt man die letzten Sonnenstrahlen im Straßencafé, umschwirren einen oft Wespen. SZ-Mitarbeiterin Julia Sondermann hat mit Dr. Roland Drescher, Internist und Facharzt für Pneumologie und Allergologie von den Fachkliniken Wangen über Allergien und mögliche Therapien gesprochen.


Schwäbische Zeitung: Wie sollte man sich verhalten, wenn Wespen, Bienen und Co. kommen? Was lockt sie an?

Dr. Roland Drescher: Bienen, Hummeln und Hornissen sind in der Regel friedliebende Insekten. Ein Angriff erfolgt normalerweise nur, wenn der Mensch sich am Nest zu schaffen macht oder diesem zu nah kommt. Die Tiere werden entweder durch die Farben der Kleidung oder durch Gerüche angelockt. Aber auch unser Schweiß, der Glucose enthält, lockt sie an, denn Insekten suchen zuckerhaltige Flüssigkeiten zur Nahrungsaufnahme. Wenn man auf das auf der Haut sitzende Insekt fasst, kann es stechen. Vertreibt man es vorsichtig, wird es nicht stechen. Wespen sind in der Regel angriffslustiger als die anderen gift- und stacheltragenden Insekten. Man sollte sie weder durch Schlagen noch durch Anblasen reizen, sondern eher fächeln und die anlockenden Süßigkeiten oder Getränke abdecken oder entfernen.


Schwäbische Zeitung: Wie viele Menschen reagieren allergisch auf Insektenstiche? Welche Reaktionen können nach einem Stich auftreten?


Drescher: Etwa fünf Prozent der Bevölkerung reagieren mit Allgemeinreaktionen, die über eine Allergie des Immunsystems vermittelt werden. Diese treten innerhalb von 30 Minuten nach dem Stich auf. Allergische Allgemeinreaktionen können binnen Minuten verschiedene Organsysteme betreffen: Die Haut kann mit Nesselsucht reagieren, Luftnot auftreten, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und der Kreislauf kann kollabieren bis hin zum Schock. Todesfälle durch Schock können auftreten, sind aber selten: etwa zehn bis 20 Mal im Jahr in Deutschland.


Schwäbische Zeitung: Wie sollten sich Menschen im Umfeld verhalten, wenn sie bemerken, dass es eine allergische Reaktion beim Gestochenen gibt?


Drescher: Bei einer erstmalig auftretenden allergischen Reaktion sollte ein Arzt aufgesucht oder gerufen werden. Sie sollten den Gestochenen nach einer bekannten Bienen- oder Wespengift-Allergie fragen und ob dieser einen Notfallausweis und Notfallmedikamente mit sich führt. Diese Medikamente werden dann geschluckt. Manche Allergiker führen auch Adrenalin in einer Fertigspritze mit. Diese muss im Bedarfsfall angewendet werden oder durch eine Person im Umfeld verabreicht werden. Ein Arzt sollte hinzugerufen werden, da der Verlauf der allergischen Reaktion nicht voraussehbar ist. Ist nach einem Stich eine Reaktion aufgetreten, so besteht das Risiko für weitere schwere Reaktionen bei zukünftigen Stichen durch die gleiche Insektengruppe, also Bienen oder Wespen. In der Regel kann die Allergie gegen das entsprechende Insekt im Haut- oder Bluttest nachgewiesen werden. Deswegen sollte sich der Gestochene an einen Allergologen wenden, um eine entsprechende Klärung und Handlungsanweisung im Wiederholungsfall zu erhalten.


Schwäbische Zeitung: Gibt es bei diesen Reaktionen Unterschiede zwischen Bienen- oder Wespenstichen?


Drescher: Die Zusammensetzung der Gifte unterscheidet sich zwischen Bienen und Wespen. Nur zwischen Bienen- und Hummelgift, und zwischen Wespen- und Hornissengift besteht eine Verwandtschaft. In der Regel liegt bei einem Menschen eine Allergie entweder gegen Bienengift oder gegen Wespengift vor, selten gegen beide. Der Stich einer Wespe beim Bienen-Allergiker läuft in der Regel ohne allergische Reaktion ab. Allergische Allgemeinreaktionen können im Falle einer Allergie also nur insektspezifisch auftreten. Hornissenstiche sind zwar schmerzhafter, die eingespritzte Giftmenge jedoch geringer als bei Wespen.


Schwäbische Zeitung: Kann jeder diese Therapie machen? Wem wird diese geraten?


Drescher: Grundsätzlich wird jedem Bienen- oder Wespengiftallergiker nach Auftreten allergischer Reaktionen je nach Risiko und Schwere zur Hyposensibilisierungsbehandlung geraten. In der Schwangerschaft sollte diese allerdings nicht begonnen werden. Bei Patienten mit bösartigen Tumoren, Autoimmunerkrankungen oder Erkrankungen des Immunsystems muss das Risiko mit dem Nutzen abgewogen werden.


Schwäbische Zeitung: Wie läuft diese ab? Wie lange dauert sie?


Drescher: Man erhält über fünf hinweg Tage minimale Mengen von Bienen- oder Wespengift in ansteigenden Dosen mehrfach am Tag unter die Haut gespritzt. In dieser Zeit wird die injizierte Dosis langsam bis zur Menge eines ganzen Bienen- oder Wespenstichs gesteigert. In der Folge muss in regelmäßigen Abständen eine Dosis der Hyposensibilisierungslösung gegeben werden, womit die Wirkung auf das Immunsystem erhalten bleibt. Insgesamt wird die Erhaltungstherapie über drei bis fünf Jahre fortgeführt, je nach Schwere der vorausgegangenen allergischen Reaktionen. Bei 80 Prozent bis nahezu 100 Prozent der Patienten kann dadurch ein Schutz erreicht werden. Die Wirkung der Therapie kann dann durch einen Stichprovokationstest mit einem lebenden Insekt unter Notfallbereitschaft in den Fachkliniken überprüft werden. Dieser muss allerdings vor Ende der Therapie gemacht werden.


Artikel aus: Schwäbische Zeitung, Ausgabe Wangen, vom 08.09.2009





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